Super-Laster für die Tour de France

Super-Laster für die Tour de France

Von Ingolf Reinsch

Rothnaußlitzer statten das deutsche Team aus. Mit einem Begleitfahrzeug, das Werkstatt, Küche und noch viel mehr ist.

Bis zum Start der Tour de France Ende Juni bleiben noch gut fünf Monate Zeit. Bis dahin stehen für das deutsche Profi-Radsportteam Bora-Hansgrohe noch rund ein Dutzend anderer Rennen europaweit auf dem Programm. Abseits des Medienaufgebotes, begleitet ein großer, schwarzer Lkw das Team. Das dritte Fahrzeug dieser Art für die Radsportmannschaft, ein MAN mit auffälligem Kofferaufbau, verließ vor wenigen Tagen das Rothnaußlitzer Unternehmen ORTEN Fahrzeugtechnik. Bei der Tour de France und anderen großen Rennen wird es mit auf Tour gehen. Das Fahrgestell samt Fahrerhaus wurde von dem bayerischen Fahrzeugproduzenten geliefert; der gesamte Aufbau erfolgte in Rothnaußlitz. Rund 1.300 Arbeitsstunden stecken in dem Fahrzeug, sagt Niederlassungsleiter Thomas Kretzschmar. Rund 130 Einheiten - Lkw und die dazu gehörenden Anhänger - verlassen jedes Jahr das Werk in dem Demitzer Ortsteil, vor allem Fahrzeuge für die Getränkelogistik. Zum Vergleich: Für die Kofferaufbauten dieser "normalen" Fahrzeuge sind jeweils 180 Arbeitsstunden erforderlich. Aufbauten, wie für das Profi-Radsportteam, sind da schon etwas Besonderes. Im Schnitt zwei dieser Fahrzeuge werden jährlich in Rothnaußlitz gebaut - passgenau nach den Vorgaben des Kunden.

Zu den Aufgaben von Thomas Kretzschmar, der von Haus aus Karosserie- und Fahrzeugbaumeister ist, gehört es auch, diese besonderen Kofferaufbauten zu konstruieren. Meist muss er dafür den Platz zentimetergenau ausklügeln, um alles optimal unterzubringen, was der Kunde wünscht. Bei einem Blick ins Auto wird schnell klar: Das Fahrzeug für das Team Bora-Hansgrohe im Wert von einer Viertelmillion Euro ist nicht nur ein Transportwagen, auch wenn darin 40 Fahrräder und 86 Laufräder sicher befördert werden können. Der Koffer bietet auch Platz für Werkzeuge und Ersatzteile. Thomas Kretzschmar zieht am Heck zwei Platten von außen aus der Karosse heraus - die Werkbänke für die Monteure. Die nach oben zu öffnende Hecktür bietet Schutz vor Regen, eine

seitlich angebrachte Markise schützt vor Sonne. Ein Knopfdruck - schon wird das Fahrzeug rundum LED-beleuchtet, sodass auch bei Dunkelheit draußen gearbeitet werden kann. Die Umfeldbeleuchtung ist eine Neuentwicklung an diesen Fahrzeugen. Kleines Kraftwerk an Bord Der vordere Teil des Kofferaufbaus ist abgetrennt. Darin befinden sich eine Küche und Waschmaschine. Zwei Mann gehören zur Besatzung. Sie sind Kraftfahrer, Fahrrad-Mechaniker und Service-Kräfte in einem. Separat vom Sportlerfeld fahren auch sie die Radtour - von einem Etappenort zum nächsten. Auch die Physiotherapeuten, die das Team begleiten, werden diesen Teil des Lkw mit nutzen. Zu dessen Ausstattung gehören außerdem eine eigene Stromversorgung - sowohl mittels Generator über den Motor als auch mit Batterie und der Möglichkeit, Energie aus dem Netz zu beziehen - Wasseranschluss, Kärcher zum Reinigen der Räder und sogar eine Vorrichtung, um Eiswürfel herzustellen. Ein Servicemobil, das nicht jeder baut. Die Ausstattung ist funktional und gediegen. Die Tischlerarbeiten wurden von der Firma Glaser aus Rodewitz, einem langjährigen Partner des Betriebes, ausgeführt.

Aufträge bis zum August Stolz schwingt da schon mit, wenn Thomas Kretzschmar vor dem fabrikneuen Fahrzeug steht, ehe es vom Hof rollt. Seit einigen Jahren stellen die Rothnaußitzer diese Spezialfahrzeuge her. Den Anstoß gab ein Auftrag für eine Sonderanfertigung von einer Brauerei für den Stammbetrieb der Firma Orten in Bernkastel-Kues (Rheinland-Pfalz). Später wurde die Produktion in die ostsächsische Niederlassung verlagert. Unter anderem für Radsport-Legende Lance Armstrong rüsteten die Rothnaußlitzer in der Vergangenheit schon zwei Begleitfahrzeuge aus. Auch Fahrzeuge für Events und Promotiontouren, oft Transporter mit Sattelauflieger, werden gebaut. Während einige Mitarbeiter den jüngsten Edel-Laster für die Auslieferung vorbereiten, arbeiten Kollegen in der Montagehalle an anderen "normalen" Fahrzeugen. Die Firma ORTEN startete mit vollen Auftragsbüchern ins neue Jahr. "Die Auftragslage ist sehr gut. Der Vorlauf reicht bis August", sagt Thomas Kretzschmar. Das Familienunternehmen ORTEN beschäftigt an seinen beiden Standorten insgesamt rund 120 Mitarbeiter, davon 24 in Rothnaußlitz. Der Betrieb bildet Lehrlinge aus - und stellt ein. Karosseriebauer haben gute Chancen; idealerweise Leute, die ihre Ideen ins Unternehmen einbringen, sagt der

Niederlassungsleiter. Der Betrieb in Rothnaußlitz realisierte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 4,2 Millionen Euro. Das Gros der Kunden ist in Deutschland zu Hause. Aber auch für Auftraggeber aus Österreich und der Schweiz wird gearbeitet. Der Stammbetrieb im Moselstädtchen Bernkastel kann auf eine fast 100-jährige Geschichte verweisen. Robert Orten legte 1925 den Grundstein dafür, als er eine Schmiede gründete. Das Unternehmen entwickelte sich von der Schmiede zum Wagenbau und weiter zum Fahrzeugbau. In den 1970er-Jahren folgte die Spezialisierung auf Getränkeaufbauten. Thomas Kretzschmar hatte nach der Wende mehrere Jahre bei der Firma ORTEN in Bernkastel-Kues gearbeitet. 1998 baute er eine Niederlassung in Rathmannsdorf bei Bad Schandau auf. 2008 zog die Firma an ihren jetzigen Firmensitz in Rohtnaußlitz. Dort hatte sich schon immer ein Karosseriebau befunden. Gegründet wurde er Ende des 19. Jahrhunderts von der Familie Bär.

SZ Bischofswerda vom 18.01.2020, S. 17

 

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